6 Wochen
Hält das Jucken länger an, spricht man von chronischem Pruritus.
15 Prozent
der Menschen in Deutschland sind von chronischem Jucken betroffen.
3 Tage
der Hämodialysepatientinnen und -patienten in Europa haben einen mit chronischer Nierenkrankheit assoziierten Pruritus.
Ein zu wenig beachtetes Symptom
Dauerhaftes Jucken ist ein sehr häufiges, doch oft übersehenes und zu wenig beachtetes Symptom. Laut Studien leidet jeder dritte bis vierte chronisch nierenkranke Mensch darunter. Es tritt sowohl bei Hämodialyse als auch bei Peritonealdialyse mit ähnlicher Häufigkeit auf. Viele Patientinnen und Patienten nehmen es als Nebenerscheinung hin, wissen es nicht zuzuordnen – und reden nicht darüber. Das ist die Erfahrung des Nephrologen Prof. Dr. Thomas Mettang, langjähriger ärztlicher Leiter am KfH-Nierenzentrum Wiesbaden und KfH-Bildungszentrum. Er sagt: „Oft wird aus falscher Scham geschwiegen, denn Jucken ist für viele Menschen mit mangelnder Sauberkeit oder einer Infektion mit übertragbaren Erregern verknüpft.“
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Das unangenehme Gefühl erfüllt hauptsächlich eine Warnfunktion: Es macht auf Fremdkörper auf der Körperoberfläche wie Insekten, Parasiten oder schädliche Pflanzenbestandteile, zum Beispiel Brennnesseln, aufmerksam, die durch Kratzen zuverlässig entfernt werden. Dieses akute Jucken ist meist eine gesunde Reaktion des Körpers auf Schädlingsreize, hält nicht lange an und ist einfach zu behandeln – anders als chronisches Jucken, Pruritus, so der medizinische Fachbegriff.
Hierfür können nicht nur Haut-, sondern auch verschiedene innere Erkrankungen verantwortlich sein, zum Beispiel eine gestörte Nierenfunktion. Meist fängt der Juckreiz an einer kleinen Stelle an. Je früher ein Behandlungsteam eingebunden wird, desto besser lassen sich schwere Verläufe verhindern und die Lebensqualität erhalten. Der Pruritus kann überall am Körper empfunden werden, häufig an Beinen, Rücken und Kopf. Mettang rät: „Hält das Jucken länger als ein paar Wochen an und beeinträchtigt das Wohlbefinden, spricht man am besten mit seinem Nephrologen oder seiner Nephrologin.“ Im Gespräch wird zunächst eine Reihe von Fragen erörtert: Wo, wann und wie stark juckt es, gibt es Auslöser dafür und wie lange juckt es bereits? Wichtig sei auch der ärztliche Blick auf die Region, die juckt: Sind schon Kratzspuren zu sehen, wie ist die Haut beschaffen? Gegebenenfalls muss eine Dermatologin oder ein Dermatologe mit draufschauen, um spezielle, schwierig zu diagnostizierende Hauterkrankungen auszuschließen.
Es kann viele Gründe geben
Nephrologinnen und Nephrologen wenden sich häufig an die Dermatologin Prof. Dr. Sonja Ständer vom Universitätsklinikum Münster. Sie ist eine der führenden Expertinnen in Deutschland für chronischen Pruritus, leitet in Münster ein Kompetenzzentrum dazu und ist mit dem Thema in der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft aktiv. Hauterkrankungen infolge chronischer Nierenkrankheit sind kein Randgebiet der Dermatologie. „Das ist einer der häufigsten Vorstellungsgründe in unserem Zentrum“, berichtet Ständer.
Es kann indes auch sein, dass das Hautproblem keinen Bezug zur Nierenkrankheit hat, sondern eine Dermatose, eine Neurodermitis oder eine Schuppenflechte ist. Bei der klinischen Untersuchung könne man schnell einschätzen, ob es sich um eine Neurodermitis handelt oder um trockene Haut mit einer Kratzläsion, die von einem Jucken bei einer Niereninsuffizienz herrühren kann. Manchmal existieren mehrere zu vermutende Gründe fürs Jucken, etwa wenn jemand gleichzeitig eine trockene Haut, eine chronische Niereninsuffizienz und einen Diabetes mellitus hat. „Dann kann man unmöglich sagen, was es auslöst.“
Die Schwere und Intensität des Juckens können mit der richtigen Behandlung deutlich reduziert werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Dialysetherapie. „Man kann schauen, ob die Dauer und Intensität richtig eingestellt sind“, sagt Mettang.

Adäquate Hautpflege
Was lässt sich selbst bei einem dauerhaften Jucken tun? Wichtig ist vor allem die konsequente Basispflege der Haut. Die Dermatologin Ständer rät: „Regelmäßiges Eincremen mit rückfettenden, feuchtigkeitsspendenden Präparaten stärkt die Hautbarriere und schützt vor Austrocknung, einem der häufigsten Verstärker von Pruritus.“ Nephrologen wie Mettang wissen, dass bis zu 80 Prozent ihrer Patientinnen und Patienten eine trockene, schuppige Haut haben. Hinzu kommt: Speichert die Haut nicht mehr ausreichend Feuchtigkeit und wird trocken und rissig, entstehen schneller Verletzungen, die zu Infektionen mit Vereiterungen führen können.
Zu einer verlässlichen Hautpflegeroutine gehört es, sich regelmäßig, mindestens einmal täglich, einzucremen. Ständer rät zu rückfettenden Cremes, etwa mit Ceramiden oder Harnstoff (Urea), die die Hautbarriere stabilisieren und Trockenheit vorbeugen. Duft- und Konservierungsstoffe sollten möglichst vermieden werden. Sie können empfindliche Haut zusätzlich reizen. „Wir empfehlen gerne Mittel, die wissenschaftlich geprüft sind. In Deutschland haben wir eine sehr rigorose Kosmetikverordnung. Bei den Cremes, die hier produziert sind, kann man sicher sein, dass nichts für die Haut Schädliches drin ist. Das kann im europäischen Ausland anders sein.“ Vorsicht ist bei Cremes aus Asien angebracht, die „Wunder“ versprechen. Sie stehen häufig im Verdacht, Allergien auszulösen oder viel Kortison zu enthalten.

Hautpflege ist ein zentraler Baustein zur Linderung von Pruritus. Empfohlen werden auch milde, unparfümierte Reinigungsprodukte sowie kurzes, lauwarmes anstelle von täglich heißem Duschen. Zu heißes Wasser trocknet die Haut aus.
Was akut hilft
Bei akutem Pruritus können kühlende Maßnahmen rasch Linderung verschaffen, etwa kühle (nicht eiskalte!) Umschläge oder kühlende Cremes. Manche Cremes enthalten zusätzlich Inhaltsstoffe, die ein Kühlgefühl auslösen und so das Jucken lindern (zum Beispiel mit Menthol). Andere Cremes enthalten Polidocanol oder Urea. Diese Cremes sind frei erhältlich und helfen bei akuten Juckattacken.
Auch bewusstes Ablenken, zum Beispiel durch Bewegung, Atemübungen oder kurze Entspannungstechniken, kann in einem gewissen Maß helfen, das Pruritus-Empfinden weniger dominant wahrzunehmen.
Richtige Ernährung und Kleidung
Auch die Ernährung beeinflusst das Pruritus-Empfinden. „Zucker, Alkohol sowie stark verarbeitete oder sehr scharf gewürzte Lebensmittel können entzündliche Prozesse fördern und den Pruritus verstärken“, sagt Ständer. Eine überwiegend pflanzenbasierte, ballaststoffreiche Ernährung unterstütze hingegen das Darmmikrobiom und könne entzündungshemmend wirken. „Wichtig ist, dass Ernährungsempfehlungen bei chronischer Nierenerkrankung stets individuell und in enger Abstimmung mit dem nephrologischen Behandlungsteam erfolgen.“
Genauso kann Kleidung ein Faktor sein. Die Fachleute empfehlen Baumwolle. Wolle kann die Haut reizen. Im Zweifel kann man einfach ausprobieren, ob man einen Stoff verträgt oder nicht.

Jucken von außen und innen
Die Ursache des Juckens kann entweder außen, also auf der Haut direkt liegen. Auslöser sind dann häufig Absonderungen von Bakterien, die bestimmte Zellen auf der oberen Hautschicht anregen und als Folge die Nerven aktivieren. Oder der Juckreiz kann wie bei der chronischen Niereninsuffizienz von innen kommen. Dabei werden die Nerven direkt angesprochen. Dagegen kann man sich allerdings weniger gut wehren. Die eigentliche Ursache des Pruritus ist bei vielen Erkrankungen wissenschaftlich noch nicht hinreichend belegt. „Wir wissen nicht: Ist es eine Störung der weiterleitenden Empfindungskörperchen, sind die Nervenbahnen krank oder ist etwas mit der Wahrnehmung im Gehirn nicht in Ordnung“, erläutert Mettang. Wer bei chronischer Nierenerkrankung an chronischem Pruritus leiden wird und wer nicht, lasse sich nicht vorhersagen.
Offenbar ist das Risiko nach der Erstdialyse erhöht, doch aufgrund großer Datenanalysen wisse man, so erläutert Ständer, dass es keine urämische Ursache (Harnvergiftung) dafür gebe. Bekannt sei, dass zu den Risikofaktoren das männliche Geschlecht, aber auch andere Grunderkrankungen wie eine Leberentzündung gehören. Steigt der Stresslevel im Körper, werden die Entzündungszellen aktiviert und schicken einen Botenstoff aus, das Interleukin-31.
Medikamente gegen Pruritus
Die in Deutschland häufig genutzten Medikamente bei Jucken von nierenkranken Patientinnen und Patienten sind Gabapentin und Pregabalin. Die Wirkstoffe unterdrücken die Reizung der Nerven. Ursprünglich zur Behandlung von epileptischen Krampfanfällen entwickelt, werden sie seit Längerem auch gegen Nervenschmerzen eingesetzt. Dabei handelt es sich um Substanzen, die die Übertragung bestimmter Nervenimpulse modifizieren und insbesondere bei Diabetikern neuropathische Schmerzen lindern. „Natürlich hat man das auch gegen das Jucken versucht, mit erstaunlichem Erfolg“, ordnet Mettang ein. Allerdings gebe es Nebenwirkungen von Pregabalin/Gabapentin, etwa Schwindel, Übelkeit, Seh- oder Bewegungsstörungen. Die Mittel sollten aufgrund der schlechten Nierenfunktion sehr niedrig dosiert werden und seien zur Behandlung von Pruritus bei nierenkranken Menschen nicht offiziell zugelassen.
Eine weitere Substanz ist Difelikefalin, das spezifisch gegen Pruritus bei dialysepflichtigen Patientinnen und Patienten eingesetzt wird. Die Behandlung wird intravenös am Ende der Dialyse durchgeführt. Die Substanz setzt an den sogenannten Kappa-Opioidrezeptoren an. Diese sollen in Gehirn, Rückenmark, Hautnerven und Entzündungszellen für das Entstehen des Pruritus bei Dialysepatientinnen und -patienten eine Rolle spielen. Das Medikament aktiviert den Kappa-Opioidrezeptor auf den peripheren Nerven und dämpft so die Weiterleitung. „Es funktioniert nicht immer sofort und bei jedem, ist aber eine gute Option“, sagt Ständer.
Gegen das auf das Nervensystem einwirkende Interleukin-31 gibt es einen seit Februar 2025 zugelassenen Wirkstoff. Der Antikörper Nemolizumab blockiert die Signalübertragung und wird unter die Haut (subkutan) injiziert. Es ist jedoch erst für die Behandlung der Neurodermitis und der chronischen Prurigo (juckende Knötchen) zugelassen, noch nicht zur Pruritus-Behandlung bei nierenkranken Menschen.
Behandlungsalternativen
Auch die Lichttherapie mit UV-Strahlen wird bei Pruritus diskutiert. Laut Ständer belegen Studien durchaus einen Nutzen, doch diese schon etwas ältere Methode sei bei chronisch nierenkranken Menschen kritisch zu sehen, zumal es inzwischen die genannten Medikamente gibt. Die Lichttherapie könne die Haut langfristig schädigen.
Leider gibt es einen Mangel an Organspenden, aber tatsächlich sei eine Nierentransplantation die beste Option gegen Pruritus, findet Mettang. „Die überwiegende Zahl der Patientinnen und Patienten hat danach tatsächlich Ruhe.“ Das könnte dafür sprechen, dass die verminderte Nierenfunktion der Auslöser ist. Schließlich ersetzt die Dialyse nicht alle Leistungen der Niere. Doch weiterhin bleibt unklar: Warum juckt es die einen und die anderen ihr ganzes Dialyseleben lang überhaupt nicht? Nach einer Transplantation könnten auch die immununterdrückenden Medikamente, darunter Cortison, Grund für den stillenden Effekt sein.
Das Forschen nach den Ursachen für den mit chronischer Nierenerkrankung verknüpften Pruritus wird weitergehen, für die Patientinnen und Patienten von heute steht die Linderung der Beschwerden im Vordergrund. „Entscheidend ist, Pruritus ernst zu nehmen und aktiv anzugehen“, stellt Dermatologin Ständer heraus. Dazu gehöre, mögliche Auslöser zu erkennen, eine verlässliche Hautpflegeroutine einzuhalten und offen mit dem Behandlungsteam über die persönliche Belastung zu sprechen. Viele Betroffene würden von der Erkenntnis profitieren, dass Pruritus keine Bagatelle und keine persönliche Schwäche ist, sondern ein behandelbares Symptom.
Onlinehilfe für alle
Zur Unterstützung der Patientinnen und Patienten haben Prof. Dr. Sonja Ständer und weitere Pruritus-Fachleute den Verein SkinHealth Campus e. V. gegründet. Er informiert einmal im Monat online über Themen rund um juckende Haut. Die Zoom-Konferenzen sind kostenfrei und für alle offen. Zusätzlich teilt der Verein in seinen Social-Media-Kanälen bei Instagram und Facebook Tipps zu Selbstmanagement, Hautpflege und Ernährung.

aspekte 1-2026
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