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Auf dem Weg zur grünen Dialyse

Thema der aspekte-Ausgabe 2-2026

Als energieintensive Behandlung hinterlässt Dialyse einen beträchtlichen ökologischen Fußabdruck. Doch die Möglichkeiten gegenzusteuern sind groß. Auch Patientinnen und Patienten können einen Beitrag leisten.

4 Stunden

typische Hämodialyse verbrauchen etwa 250 bis 500 Liter Wasser. Größtes Einsparpotenzial bietet ein optimierter Dialysatfluss.

0,5 Grad 

- schon eine Absenkung der Dialysattemperatur um diesen Wert mindert den Energieverbrauch der Hämodialyse substanziell.

38 Prozent 

weniger Emissionen sind mit mehr Peritoneal- und individuell angepasster Hämodialyse möglich.


“Auf dem Weg zur grünen Dialyse können alle mithelfen”

Die Folgen des Klimawandels sind offensichtlich: Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Wassermangel oder Dauerregen mit Überschwemmungen gefährden die menschliche Gesundheit und ebenso den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. Anteil am Klimawandel hat auch das Gesundheitswesen selbst, etwa durch seinen hohen Energieverbrauch. „Geschätzt trägt der medizinische Sektor in den entwickelten Ländern etwa zehn Prozent zu den klimaschädlichen Emissionen bei“, weiß Prof. Dr. med. Joachim Beige, Geschäftsleiter Medizin und Pflege im KfH und leitender Arzt des Nierenzentrums in Leipzig. Durch Treibhausgasemissionen pro Patientin beziehungsweise Patient seien Dialyseeinrichtungen – unverzichtbare Helfer für die Betroffenen – im Bereich der medizinischen Einrichtungen größte Verursacher.

Fachleute wie Beige möchten deshalb das große Einsparungspotenzial an Treibhausgasen, insbesondere CO2 (Kohlendioxid), erschließen. Die mittlerweile verdoppelten CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre sind durch die seit rund 200 Jahren massiv ansteigende Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas entstanden. Nicht nur für Heizung, Stromerzeugung und Mobilität, sondern zum Beispiel auch für die Produktion von Medizinprodukten. Treibhausgase wirken wie das Glas in einem Gewächshaus: Sie absorbieren die von der Erdoberfläche abgestrahlte Sonnenwärme und halten sie in der Atmosphäre fest. Dieser Treibhauseffekt sorgt dafür, dass es auf der Erde wärmer wird.

Hämodialyse in Deutschland verursacht durchschnittlich rund 3,7 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e) pro behandelter Person und Jahr. CO2-Äquivalente sind eine Maßeinheit, die verschiedene Treibhausgase, etwa auch Methan und Lachgas, hinsichtlich ihrer Klimaschädlichkeit vergleichbar macht. Den Wert von 3,7 Tonnen CO2e ermittelte eine kürzlich publizierte, von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) unterstützte Studie unter Beiges Leitung. Dabei wurde erstmals der CO2-Fußabdruck deutscher Dialysezentren systematisch erfasst. Deren Emissionen resultieren vor allem aus Materialproduktion, Abfall, Energie- und Wasserverbrauch sowie Transportwegen. Wer eine Zentrums-Hämodialyse benötigt, dessen CO2-Fußabdruck steigt um etwa 40 Prozent.

Gleichzeitig ermittelte die in fünf Nierenzentren (davon vier aus dem KfH) mit rund 500 Patientinnen und Patienten in den Jahren 2015 bis 2023 durchgeführte Untersuchung, wo am wirksamsten Emissionen gesenkt werden können: durch einen geringeren Wasserverbrauch bei der Behandlung, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, den Transport der dialysepflichtigen Menschen zu den Zentren in Gruppen sowie eine gesunde, fleischvermeidende Ernährung während der Dialyse.

„Bei einigen Punkten können auch Patientinnen und Patienten einen Beitrag leisten“, sagt Beige, der eine Patientenbefragung zum Thema nachhaltige Dialyse initiiert hat. Machen Sie mit! Informationen dazu finden Sie auf der rechten Seite.

Weniger Wasser

Bei der Hämodialyse nimmt das aus Wasser und Konzentrat gemischte Dialysat die Giftstoffe, Elektrolyte und überschüssiges Körperwasser im Blut auf. Das für das Dialysat, aber auch zur Spülung und Desinfektion der Dialysemaschinen benötigte ultrareine Wasser wird mit Trinkwasser in einer Osmoseanlage gewonnen. Dafür ist Energie notwendig. Die Dialysataufbereitung verbraucht bei der Hämodialyse den größten Teil der elektrischen Energie. Wesentliche Stellschrauben sind daher die Menge und die Temperatur des Dialysats. Beige rechnet vor: „Eine Reduktion des Dialysatflusses von beispielsweise 700 ml/min auf 350 ml/min reduziert bei einer typischen Dialyse von 270 Minuten die Menge des Dialysats um 124,5 Liter.“ Auch die Energie zur Aufwärmung dieser Menge an Flüssigkeit werde eingespart. Die klinische Erfahrung und erste Daten zeigten, dass für die meisten Patientinnen und Patienten ein Dialysatfluss von 350 ml/min ausreichend ist. Das Optimum des Wasserverbrauchs muss zwar noch erforscht werden, doch naheliegend ist die Reduktion zum Beispiel bei langen Dialysezeiten, bei kleinen Patientinnen und Patienten und bei niedrigen Blutflüssen. 

Manche Studien weisen darauf hin, dass eine Absenkung der Dialysattemperatur von 37,0 Grad auf 36,5 Grad nicht nur den Energieverbrauch substanziell mindert, sondern auch die Stabilität des Blutkreislaufs verbessern kann. „In diesem Bereich gilt nicht: viel hilft viel. Es ergibt Sinn, die Dialyseparameter anhand der monatlichen Laborkontrollen  und des Wohlbefindens gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten an die individuellen Bedingungen anzupassen. Frieren an der Dialyse soll niemand.“

Große Hoffnungen setzen Fachleute auch in neue, wasser- und energiesparende Dialysemaschinen sowie Dialysat-Recyclingsysteme. Deren flächendeckende Einführung ist aber derzeit noch Zukunftsmusik.

Ökologischer Fußabdruck

10,4 t CO₂e pro Kopf und Jahr

Der aktuelle durchschnittliche Fußabdruck liegt deutlich über dem langfristigen Klimaziel. Die Übersicht zeigt, wie sich der Wert zusammensetzt.

Wohnen22%2,2 t CO₂e pro Kopf
Strom5%0,5 t CO₂e pro Kopf
Mobilität19%2,0 t CO₂e pro Kopf
Ernährung15%1,6 t CO₂e pro Kopf
Sonstiger Konsum28%2,9 t CO₂e pro Kopf
Öffentliche Infrastruktur11%1,2 t CO₂e pro Kopf
Großer und kleiner CO₂-Fußabdruck
Ist-Zustand10,4 t CO₂e pro Kopf/Jahr
Klimaziel< 1 t CO₂e pro Kopf/Jahr


Alternative Energiequellen und Dialysefahrten

Ein wesentlicher Faktor zur CO2-Reduktion der Dialyse ist die Nutzung regenerativer Energien. Beispielsweise in Form von Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen der Zentren. PV-Strom gilt als umfangreichster, sofort mit erheblichen Einsparungen verbundener Beitrag zum Klimaschutz in der Nephrologie. Fachleute rechnen dadurch mit einer Senkung des ökologischen Fußabdrucks in der Größenordnung 10 bis 20 Prozent.

Großes CO2-Einsparpotenzial bieten ebenso die Fahrten der Patientinnen und Patienten von zu Hause ins Zentrum und wieder zurück. Schätzungen zufolge machen sie 20 bis 30 Prozent des ökologischen Fußabdrucks der Dialyse aus. Sammelfahrten verringern diesen Ressourcenverbrauch effektiv. Gleichwohl müssen hier individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden. Für viele Menschen ist der gewohnte persönliche Zeitplan sehr wichtig. Professor Beige sagt: „Wenn solche Gruppenfahrten sinnvoll organisiert werden sollen, müssen dazu alle vor Ort beteiligten Dialyseanbieter einbezogen werden, um eine für alle Patientinnen und Patienten günstige Tourenplanung zu erreichen.“


Weniger Fleisch

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Ernährung: Tierische Lebensmittel wie Fleisch, Käse oder Butter verursachen erheblich mehr Emissionen als pflanzliche Lebensmittel. Laut Umweltbundesamt lassen sich 66 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen auf tierische Lebensmittel zurückführen – größtenteils zum Zwecke des Futtermittelanbaus. So fallen die Ökobilanzen von pflanzlichen Lebensmitteln fast immer deutlich besser aus. Hinzu kommen gesundheitliche Aspekte: Zu viel Fleisch erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes. 2019 hat eine internationale Fachkommission mit der „Planetary Health Diet“ eine Ernährungsweise definiert, die gesund und weltweit realisierbar ist. 

Dabei sollten, verglichen mit unserer durchschnittlichen Ernährung in Deutschland, rund 40 Prozent mehr Gemüse, fünfmal so viele Nüsse und fast zehnmal so viele Hülsenfrüchte gegessen werden. Im Gegenzug sollten Fleisch um circa 70 Prozent, Milch- und Milchprodukte um ein Viertel und der Eierkonsum um die Hälfte reduziert werden. So sei eine Verringerung der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen um etwa die Hälfte möglich. Der Nephrologe Beige greift das auf: Ziel ärztlichen Handelns sollte sein, die Patientinnen und Patienten zu einer gesunden Ernährung zu motivieren, gerade während der Dialyse. Das bedeute zum Beispiel den Verzicht auf Wurstwaren bei der Verpflegung im Nierenzentrum. 

Schon kleine Anpassungen wirken: In der erwähnten Studie in fünf Dialysezentren reduzierten erste Maßnahmen zum Dialysatfluss, zum Einsatz von Photovoltaik und zu angepasster Ernährung die Emissionen um rund neun Prozent.

Mehr Prävention und Transplantation

Am wirksamsten für das Klima sind das Vermeiden oder ein Herauszögern der Dialysepflichtigkeit. Gelingen kann das durch einen gesunden Lebensstil, regelmäßige Untersuchungen und neuartige Medikamente. Wird der Beginn einer Dialysetherapie um acht Jahre hinausgezögert, entspricht das einer Einsparung von 30 Tonnen CO2 – so viel wie drei Menschen im Jahr in Deutschland durchschnittlich freisetzen. Jedes vermiedene Dialysejahr spart rund 3,7 Tonnen CO2. Die gleiche Menge könnte durch jede zusätzliche Nierentransplantation eingespart werden, welche die Dialyse nicht mehr notwendig macht. Eine um zehn Prozent höhere Transplantationsrate würde deutschlandweit jährlich rund 800 Tonnen weniger CO2 bedeuten. 

„Dialyse muss im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit effektiver gedacht werden“, fordert Beige. Er weist auch auf die Initiativen der European Kidney Health Alliance (EKHA) hin. Die Vereinigung von Patientenorganisationen, Ärzteschaft und Forschung, in der auch das KfH Mitglied ist, fordert innovative Lösungen, die ökologische Vorteile bieten und bei Neuentwicklungen ökologische Aspekte berücksichtigen. 

In speziellen Fällen kann auch über eine Reduktion der Dialysefrequenz nachgedacht werden: „Es gibt medizinische Erkenntnisse, nach denen bei vorhandener Nierenrestfunktion mit Urinausscheidung und Restentgiftung die Dialyseintensität ohne schädliche Folgen verringert werden kann.“ Insbesondere hochbetagte und gesundheitlich vulnerable Menschen könnten statt dem häufigen Transport ins Zentrum bisweilen von einem unterstützenden Vorgehen mit weniger Dialysen profitieren.

Bewusstsein für Nachhaltigkeit

Soll das 1,5-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen auch nur annähernd eingehalten werden, sind schnelle Maßnahmen notwendig. In der Folge des Abkommens von 2015 hat die Europäische Union⁠ 2019 den European Green Deal⁠ für Klimaneutralität bis 2050 beschlossen. Damit sind regulatorische Anforderungen für Unternehmen verbunden. Als energieintensive Behandlungsform steht die Dialysetherapie in der Pflicht, sich zu bewegen. Ob bei Wassermenge und -temperatur, Essen oder Transport – ohne die Patientinnen und Patienten geht das nicht. „Wir wollen als KfH ein Bewusstsein schaffen, dass neben dem obersten Gebot der bestmöglichen gesundheitlichen Versorgung Aspekte der Nachhaltigkeit bei der Behandlung berücksichtigt werden“, sagt Beige. „Auf dem Weg zur grünen Dialyse können alle mithelfen. Schon mit einfachen Maßnahmen, die heute in jedem Dialysezentrum umgesetzt werden können, lässt sich der ökologische Fußabdruck deutlich reduzieren.“ Dazu erfolgt im nächsten Schritt eine Umfrage unter Patientinnen und Patienten.

Projekt „Dialycycle“: Kreislaufwirtschaft im Blick

Das KfH ist Projektpartner in einem im Juni gestarteten Forschungs- und Entwicklungsprojekt für das Recycling von Kunststoff-Einwegprodukten bei der Dialyse. Hintergrund des Projekts „Dialycycle“ ist die hohe Menge kunststoffbasierten Abfalls, die bei der Hämodialyse entsteht: pro Behandlung etwa 1,5 Kilogramm. In Deutschland summiert sich dies auf rund 21.000 Tonnen pro Jahr. Studien zufolge lassen sich durch den Einsatz von Recyclingkunststoffen bis zu 50 Prozent CO₂-Emissionen einsparen. Ziel von „Dialycycle“ ist es, eine Prozesskette für das Recycling von kunststoffbasierten Einwegprodukten aus der Dialyse zu entwickeln und zu erproben. „Das KfH leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen und zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks der Dialyseversorgung“, betont Professor Dr. med. Joachim Beige, Geschäftsbereichsleiter Medizin und Pflege im KfH. Koordiniert wird das Verbundprojekt vom Circular MTC e.V. aus Chemnitz.

aspekte 2-2026

Auf dem Weg zur grünen Dialyse
Auch Patientinnen und Patienten können dazu beitragen

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