7.000
Liter Blut pumpt das Herz in circa 24 Stunden durch den Körper.
300
Mal am Tag reinigen die Nieren das gesamte Blut des Körpers.
40-60
Prozent der 2 Millionen Deutschen mit einer Herzinsuffizienz haben gleichzeitig eine Nierenfunktionseinschränkung.
“Beide Organe im Blick behalten”
Unser Herz sorgt für die Durchblutung der Nieren und die Nieren wiederum schützen das Herz vor Überlastung, indem sie unter anderem den Flüssigkeitshaushalt des Körpers regulieren. Funktionieren Herz oder Nieren nicht mehr richtig, macht sich dies oft am anderen Organ bemerkbar: Eine Herzerkrankung kann die Nieren beeinträchtigen – und Nierenerkrankungen können sich ungünstig auf das Herz auswirken. „Etwa jeder zweite chronisch nierenkranke Mensch leidet zugleich an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung“, weiß der Kardiologe Prof. Dr. med. Nikolaus Marx, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Kardiologie an der Universitätsklinik Aachen.
Das sich gegenseitig bedingende Krankheitsbild wird kardiorenales Syndrom genannt. Die gute Nachricht: Rechtzeitig erkannt, lässt sich die Abwärtsspirale durch präventive Maßnahmen durchbrechen. Weitere Schäden an Herz oder Nieren lassen sich vermeiden oder zumindest vermindern, wenn Risikofaktoren konsequent behandelt werden.

Was in Nieren und Herz passiert
Das Herz pumpt rund um die Uhr Blut durch unseren Körper; möglich macht dies der Aufbau aus Muskelgewebe und Herzklappen. Es schlägt etwa 60- bis 80-mal pro Minute. Über das in die Gefäße gepumpte Blut versorgt das Herz unsere anderen Organe und Muskeln mit Sauerstoff und allen lebensnotwendigen Nährstoffen. In 24 Stunden pumpt das Herz circa 7.000 Liter Blut durch den Körper.
Gesunde Nieren leisten viel: Etwa 300-mal am Tag reinigen sie das gesamte Blut des Körpers. Dank dieser Filterfunktion scheidet unser Körper mit dem Urin Wasser, Gifte und Abfallstoffe des Stoffwechsels aus. Darüber hinaus sind die Nieren das wichtigste Organ zur Regulation des Blutdrucks. Winzige funktionelle Einheiten darin, die „Nephrone“, prüfen ständig, mit welcher Kraft das Blut durch die Gefäße strömt. Zudem regulieren die Nieren die chemische Zusammensetzung des Bluts, wirken am Vitamin-D-Stoffwechsel mit, halten die Salz- und Wassermenge im Körper in Balance, messen die Sauerstoffsättigung des Blutes und steuern darauf basierend die Blutbildung im Knochenmark.
Lässt die Leistungsfähigkeit der Nieren nach, verursacht das selten Schmerzen, aber die Auswirkungen für Herz und Kreislauf können gravierend sein. Was passiert da? Bei einer Niereninsuffizienz verändern sich die Gefäße der Niere, sie verengen, versteifen aufgrund von Ablagerungen, etwa Kalzium und Phosphat. Das Organ erhält dann nicht mehr ausreichend Nährstoffe und Sauerstoff. Auch beim natürlichen Alterungsprozess des Menschen verengen und versteifen die Blutgefäße. Nephrone werden durch fibrotisches Gewebe ersetzt und verlieren ihre spezifischen, wichtigen Funktionen. Die Medizin spricht dann von Fibrosierung und Arteriosklerose. Allerdings schreitet die Arteriosklerose nierenkranker Menschen viel schneller voran, und auch die Gefäße, die das Herz versorgen, sind dann betroffen. Verkalken Herzkranzgefäße und Koronararterien, wird das als koronare Herzkrankheit bezeichnet. „Auch der Herzmuskel verändert sich bei einer chronischen Nierenerkrankung in typischer und auffälliger Weise. Die Muskulatur der Herzwand verdickt und fibrotische Bindegewebszellen ersetzen hochspezialisierte, kontraktionsfähige Herzmuskelzellen. Genauso wie die Niere verhärtet das Herz gewissermaßen“, erläutert Professor Marx. Das Herz kann sich dann nicht mehr richtig entspannen und ausreichend mit Blut füllen. Diese Herzschwäche wiederum führt dazu, dass andere Organe, Gewebe und Zellen nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe zugeführt bekommen, infolge erhöht sich der Blutdruck. Das wiederum schädigt die Nieren zusätzlich.
Therapie: Blutdruck & Co.
Grundsätzlich gelten für Patientinnen und Patienten mit Herz- und Nierenerkrankungen etablierte Therapien, sagt Dr. med. Thilo Pluntke, Ärztlicher Leiter des MVZ KfH-Gesundheitszentrums Grimma und Facharzt für Kardiologie und Nephrologie. Ein hoher Blutdruck sollte medikamentös eingestellt werden, das gelte auch für den Blutzucker bei Diabetes. Genauso müssten Fettstoffwechselstörungen behandelt werden, und körperliche Aktivität tue sehr gut. Auch Ernährung ist sehr wichtig, Fachleute empfehlen eine kochsalzarme, mediterrane Kost.
Professor Marx appelliert, besondere Anstrengungen darauf zu richten, damit eine Niereninsuffizienz erst gar nicht entsteht. Entscheidend hierfür ist, Risikofaktoren konsequent auszuschalten. Ein leicht erhöhter Blutdruck etwa kann, wenn er zusammen mit einem Diabetes auftritt, die Nieren schneller schädigen. Viele Studien zeigen, dass mit einer Normalisierung eines hohen Blutdrucks und eines hohen Blutzuckerspiegels eine chronische Nierenschwäche weniger häufig auftritt. Gleiches gilt für die Behandlung von Fettstoffwechselstörungen.

Ermutigende Ergebnisse lieferte zuletzt eine Studie, wonach die tägliche Einnahme von Omega-3-Fettsäuren bei Dialysepatientinnen und -patienten das Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich verringern kann (siehe aspekte 02-2026, Seite 22). Als „erfolgversprechend“ schätzt Dr. Pluntke die Ergebnisse ein, möchte aber weitere Untersuchungen abwarten.
Wichtig ist ihm, bei nierenkranken Patientinnen und Patienten nicht auf eine notwendige Herzkatheter-Untersuchung zu verzichten. Um dabei die Herzkranzgefäße im Röntgenbild sichtbar zu machen, wird ein meist jodhaltiges Kontrastmittel verabreicht. Dieses kann unter Umständen die Nieren schädigen. Allerdings, so der Experte, könne ein Verzicht auf eine notwendige Untersuchung mehr Schaden anrichten. Für ihn wiegt der Nutzen der Untersuchung oft mehr. Bei vorhandenen Engstellen können die Gefäße mittels Ballonkatheter oder Stent (Gefäßstütze) behandelt werden.
Kardiologe Marx rät Patientinnen und Patienten, auf sich selbst zu achten: „Häufigstes Symptom bei Herzschwäche ist Luftnot bei Belastung. Fällt es beispielsweise zunehmend schwerer, mit etwas Gepäck Treppen zu steigen, sollte man das nicht auf das Alter oder die Nierenschwäche schieben, sondern sich kardiologisch untersuchen lassen, ob eine Veränderung der Herzkranzgefäße vorliegt.“

Neue Medikamente
Hoffnung machen seit einigen Jahren neue Medikamentenklassen. Sogenannte SGLT-2-Inhibitoren wurden ursprünglich entwickelt, um den hohen Blutzuckerspiegel bei Diabetes zu senken: Die Inhibitoren (Hemmstoffe) sorgen dafür, dass vermehrt Zucker mit dem Urin ausgeschieden wird, daraufhin sinkt die Zuckerkonzentration im Blut. Es zeigte sich, dass derart behandelte Menschen mit Diabetes weniger häufig wegen einer Herzinsuffizienz ins Krankenhaus mussten. Sie litten auch weniger unter Herzrhythmusstörungen und starben seltener an Herzversagen. Mittlerweile sind SGLT-2-Inhibitoren auch zur Behandlung bei chronischer Niereninsuffizienz und Herzschwäche zugelassen und wirken insbesondere auf die zerstörerische Fibrose in den Nieren und im Herz.
Ein weiteres, neuartiges Medikament, das Nieren und Herz schützen kann, ist Finerenon. Die Substanz ist ein sogenannter nicht-steroidaler und selektiver Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist – also ein Arzneistoff, der an einen spezifischen Rezeptor (Eiweißstruktur auf oder in der Zelle) andockt und so die biologische Reaktion blockiert. Finerenon wurde im Februar 2022 in der EU zur Behandlung bei chronischer Nierenerkrankung und Typ-2-Diabetes zugelassen. Bisherige Studiendaten deuten darauf hin, dass sich damit das Fortschreiten der Nierenschädigung bremsen lässt und auch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse sinkt.
Interdisziplinär behandeln
Medikamente der klassischen Herzschwächetherapie können bei Patientinnen und Patienten mit Niereninsuffizienz besondere Nebenwirkungen haben. „Liegen eine Herz- und Nierenschädigung gemeinsam vor, sollten Fachleute aus Kardiologie und Nephrologie eng zusammenarbeiten“, rät Professor Marx. Er empfiehlt, Patientinnen und Patienten mit einer Herzerkrankung frühzeitig zu untersuchen, ob parallel eine Nierenerkrankung vorliegt. Dazu können mit einer Blutabnahme der Kreatinin-Wert (Abbauprodukt der Substanz Kreatin, die Muskeln mit Energie versorgt und über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden wird) und die glomeruläre Filtrationsrate (GFR; wie viel Blut die Nierenkörperchen in Millilitern pro Minute filtern) ermittelt werden.
„Am Universitätsklinikum Aachen haben wir schon vor langer Zeit gemerkt, dass viele unserer kardiologischen Therapiestrategien bei Nierenerkrankungen nicht funktionieren“, berichtet Marx. Es müsse häufig individuell entschieden werden. Deswegen haben Kardiologie und Nephrologie in Aachen vor 13 Jahren eine gemeinsame Herz-Nieren-Station etabliert. Im „Zentrum für kardiorenale Medizin“, einer interdisziplinären Pflegestation mit zwölf Betten, werden die aufgenommenen Patientinnen und Patienten mit Nieren- und Herzerkrankungen von beiden medizinischen Teams gesehen (Kontakt: herzniere@ukaachen.de). Das Konzept gilt als europaweit einzigartig; kardiorenale Spezialambulanzen gibt es beispielsweise an der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universitätsmedizin Göttingen. Marx erläutert: „Durch diesen Ansatz legen wir bei Herzpatientinnen und -patienten mit Nierenerkrankungen einen besonderen Fokus auf die Schonung der Nieren und können gleichermaßen eine bessere und schnellere Behandlung von nierenkranken Patientinnen und Patienten mit Herzproblemen gewährleisten.“
Weltherztag: 29. September 2026
Der Weltherztag am 29. September ermutigt Menschen jeden Alters, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen – durch Aufklärung, Bewegung, gesunde Ernährung und regelmäßige Vorsorge. An dem Aktionstag der World Heart Federation beteiligen sich mehr als 100 Länder mit Fachorganisationen. Zentrale Anlaufstelle in Deutschland ist die Deutsche Herzstiftung. Über deren Website können Interessierte ein Informationspaket zum Weltherztag bestellen. Ziel ist es, Herz-Kreislauf-Erkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und zu zeigen, wie wichtig Prävention ist.

aspekte 3-2026
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„Versorgung besser machen“
Interview mit dem KfH-Vorstandsvorsitzenden
